Samstag, 15. September 2018

Tango in Lewandiwka


🌸Eine französische Fassung dieses Textes habe ich am 29. August 2018 gepostet.

In der Menge, die ich beobachtete, fielen mir zwei Personen auf: Eine elegante und etwas verwelkte – oder zu dick geschminkte? – Frau, die ein Seidenkleid trug, das ihren Rücken entblößte, und ein Mann in einem hell-beigen Anzug, zu kokett für den Anlass. In mitten von Frauen fortgeschrittenen Alters in Röcken, 7/8-Hosen und Sandalen saßen sie auf der Tribüne vor der Hauptbühne des Festivals in Lewandiwka. Letztere war am Eingang des dortigen Jugendzentrums aufgebaut worden, das sich in einem ehemaligen, in nationalen Farben gemalten, sowjetischen Kino befindet. Als ich sie fotografierte, verstand ich es plötzlich: Die zwei exotischen Vögel waren Tangolehrer, die im Programm, in welchem ich gerade nachgeschlagen hatte, angekündigt waren.
Mein Tango ist wie mein Polnisch: Ich bin nicht sonderlich gut, aber ich kann’s ein bisschen. Während meine Kolleginnen mit der Organisation des Festivals, das die Entwicklung eines im Vergleich zum Zentrum weniger vornehmen Stadtteils fördern solle, hantierten, habe ich mit dem extravaganten Mann und der glänzenden Frau getanzt, sowie mit einigen Kindern auch. Ich war wie verzaubert: Ich konnte mich bewegen, neue Menschen und ein neues Viertel der Stadt kennenlernen.
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- „Where can I dance tango in Lviv?“, fragte ich den Lehrer, etwas außer Atem.
- „Every Sunday, on the market square“, antwortete er zugleich.
- „Do I have to be accompanied?“ Diesmal ließ die Antwort länger auf sich warten. Hatte ich etwa einen faux pas begangen? Ich griff noch mal auf: „Are there not enough men?“ Weiterhin, Stille.
- „There are enough men, but they won’t dance with you. I mean, not with a stranger. I do, but they won’t...“, erwiderte er schließlich.
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Zwischen zwei Milongas hatte ich mich in der Umgebung umgeschaut: Es gab Männer auf Fahrrädern, Jugendliche in abgeschnittenen Jeans, einige Alkoholiker, Familien, eine Dame, die manchmal in der Altstadt bettelte, und viele Kinder. Die Musik spielte immer noch. Ein betrunkenes Trio, zwei Männer und eine Frau, tanzte.
Später habe ich auch die schmucken Häuschen vom Anfang des letzten Jahrhunderts, einen kleinen Wald, Geschäfte, die vom einen starken Weihrauchgeruch umgegebene Kirche mit Bauten aus der kommunistischen Zeit im Hintergrund erblickt. Ich habe in einem rustikal-schicken Restaurant gespeist, mit dunklem Holz, Kacheln und Kristallleuchtern versehen, dass eine meiner Kolleginnen als „normal“ bezeichnete. Ich wusste, was sie meinte; sein Inneres erinnerte an die Einrichtung meiner Wohnung im Zentrum der Stadt.
Meine Kolleginnen hatten all ihre dringenden Angelegenheiten erledigt. Das Wetter war angenehm und wir entschieden uns, zu Fuß in die Stadt zurückzukehren. Ich war immer noch wie verzaubert. Die wilde Zusammensetzung des Viertels, einige Kilometer vom historischen und touristischen Zentrum der Stadt entfernt, gefiel mir äußerst gut.
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Das Festival erstreckte sich über die ganze Woche vor der Nationalfeier. Am darauffolgenden Tag habe ich mit einer Gruppe von Mädchen an einem Rallye durch das Viertel teilgenommen. Auf den Spuren des Filmemachers Paradschanow, der dem Festival seinen Namen gegeben hatte, sind wir rumgelaufen, haben Indizien gesucht und mehr über die Geschichte des Viertels erfahren. Wir haben uns auch näher kennengelernt. Auf die Frage „wo sind die Jungs?“, zuckten meine Mannschaftskolleginnen nur resigniert die Schultern.
Später stellte ich die Frage erneut; diesmal an Erwachsene. Die Männer, hieß es, spielen lieber Football als an kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen. Als wir Richtung Stadtzentrum liefen, zogen mich die Kolleginnen in eine Restaurant-Bar unweit des Parks und des künstlichen Sees Lewandiwkas. Dort bestand das Publikum im Wesentlichen aus Männern. „Football macht wohl durstig“, dachte ich mit.
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- „Warst Du nochmal Tango tanzen?“ erkundigte sich meine Mutter am Telefon.
„Ich war hin und hergerissen, stolz und neugierig zugleich. Am Ende bin ich doch hingegangen.“
- „Das freut mich. Zumindest konntest Du den Leuten beim Tanzen zugucken...“
- „Es hat geregnet... Es wurde nicht getanzt, diesmal nicht.“
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Während meiner Zeit in Lwiw habe ich fast ausschließlich mit Frauen Kontakt gehabt. Zugegebenermaßen hatte ich viel mit Menschen aus dem Kulturbereich zu tun... Wie dem auch sei: Die wenigen Männer, mit denen ich mich unterhalten habe, waren entweder schwul, Ausländer oder Tangolehrer.
- „Du vergisst deinen alten Stalker, den von der Polizei.“ (siehe: „Prost“: http://stadtschreiberin-lemberg.blogspot.com/2018/06/prost_18.html)
Ich fand es irgendwie Schade, auch weil es sich als schwierig erwies, das Thema anzusprechen. Stets wurde die Stirn gerunzelt immer, wenn ich den Versuch unternahm, die Situation jenseits meiner eigenen Person zu verstehen. Allem Anschein nach, war ich die Einzige, die sich dafür überhaupt interessierte.

Sonntag, 9. September 2018

Dichter an der Front


Ich fand mich wieder in einem Kulturpalast. Diesmal nicht im eleganten Lwiw, sondern in der nah an der Front gelegenen Industrie- und Hafenstadt Mariupol, im Osten der Ukraine. „Das ist ein Ort, wie man sich ihn vorstellt“, kommentierte ein Kollege, als wir in dem Saal, der eine Jugendweihe irgendwo in Ostdeutschland hätte beherbergen können, Platz nahmen. Sein Inneres zeugte von der Pracht eines ehemaligen Hotels, das später als sowjetisches, nun ukrainisches Haus des Volkes diente: Hohe Decken mit Sternen besetzt, die als Blumen gehen können, und beige-gelbe Wände, die zum Blau der massenproduzierten Plastikstühle passten, und eine neue Zeit anzukündigen schienen.
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Heute Abend wird vorgelesen. Dichter aus anderen ukrainischen Städten und aus Deutschland sind angereist, um Mariupol – und damit dem Osten des Landes – ihre Unterstützung zu beteuern und literarische Beiträge zu leisten (http://www.kulturallmende.org/projekte_aktuell/). Der Eingang des Palastes war mit vielen Flaggen geschmückt. Wenn man dort steht, merkt man, wie wenig letztere in Mariupol präsent sind, und umgekehrt: wie gegenwärtig sie in Lwiw sind. Am Eingang hatte sich eine kleine Ansammlung von Menschen gebildet. Man freute sich über ihre Anwesenheit, denn einige Minuten zuvor hatte man sich noch über den Anblick der leeren Straßen gewundert: „Wo sind alle Passanten hin?“ Die hier versammelten Menschen erweckten den Eindruck, als hätte sich die ganze Stadt hier eingefunden, um den Dichtern zuzuhören und an dem literarischen Abend teilzuhaben.
Die Dichter werden vorgestellt. Die Veranstalter sind angespannt, ernst und feierlich zugleich.
Die Dichter lesen vor. Es ist eine bunte Mischung: vulgäre und gepflegte; klassische und pop; engagierte und kontemplative; ernste und parodistische. Bei allen thematischen und stilistischen Unterschieden, deren Übergänge die Veranstalter moderieren, sind sich die Dichter ihrer Individualität bewusst. Letztere wird von den Blitzen der Kameras unterstrichen, und der Klang wird von einer Sprache – ukrainisch, deutsch, russisch – in eine andere in den Ohren des Publikums transportiert und gedolmetscht. Das Pathos des Vortrags in ukrainischer Sprache wird durch den leicht sarkastischen Ton des Dolmetschers gedämpft. Das ukrainisch sprechende Publikum bekommt dagegen – so scheint es, wenn man den Kopfhörer nur an ein Ohr hält – eine Variante, die um Sachlichkeit bemüht ist, als ob sie sich jeder Art von Einmischung enthalten möchte.
Die Dichter haben rezitiert. Der Dichter, der am die Veranstaltung des vorigen Tages eröffnen durfte, durfte nun den Abend offiziell beenden.
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Die literarische Begegnung ist vorbei. Die Dichterinnen samt Publikum stehen wieder am beflaggten Eingang des Kulturpalastes. Eine Teilnehmerin wundert sich: „Keiner spricht.“ „Das Publikum war so andächtig“, bemerkte ein anderer. „Auffällig war die Konzentration“, kommentierte noch jemand. „Stimmt. In Lwiw wären die Menschen mit ihren Smartphones beschäftigt gewesen“, denke ich mir. „Wann wird heute noch vorgelesen, mal von der Kirche abgesehen?“ fragte zu guter Letzt eine Teilnehmerin, bevor die Dichter in einen Bus einstiegen und losfuhren.
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Die literarische Begegnung glich vielleicht wirklich einer Messe – sogar einer lateinisch gelesenen Festmesse. Das aus Dichterinnen und heterogenen Stadtbewohnern (Soldaten in Uniform, einem Vater mit seinem erwachsenen Sohn, einem Kulturanthropologen, einigen Journalistinnen und Kulturträgerinnen, Männern und Frauen in Jeans) bestehende Publikum war angespannt, konzentriert; die Stimmung andächtig.
Die Veranstalter können zufrieden sein, über die Stimmung und die Anzahl der Anwesenden in einer Stadt, in der man sich weniger fragen muss, wieso man hingeht, als wieso man bleibt. Beobachter von religiösen Ritualen würden sicher bemerken, dass es ein seltener, ja außergewöhnlicher Moment war. Deshalb wunderte man sich über den Abend, der im Nachhinein beinahe befremdend wirkte. Während einer Messe – und wer schon mal einer Jugendweihe beigewohnt hat, weiß, dass es dort nicht anders zugeht – laufen meistens mehrere Handlungen parallel ab: Elemente des Rituellen, Gedanken (was man noch zu erledigen hat; wie die anderen aussehen; der Gedanke an den Rock, der schlecht sitzt), Kontakt zu anderen Menschen. An diesem Abend schien es jedoch anders zu sein.
Es mag sein, dass alle einfach nur müde waren. Von der Arbeit, von den durch die Fenster dringenden giftigen Industriedämpfen, von der Menge und den unterschiedlichen Stilen und Genres der vorgetragenen Dichtung. Wahrscheinlicher ist aber etwas anderes: Die besondere Stimmung lag an der gegenseitig herrschenden Ehrfurcht zwischen den Dichtern und dem anwesenden Publikum, an erster Stelle den Soldaten, die die Kameras zu lieben schienen, und deren Anwesenheit – weit weg von den vielen Lwiwer Flaggen und Wyschywankas – an die Front erinnerte.





Mittwoch, 29. August 2018

Tango à Lewandiwka


Dans la foule que j’observais, deux personnages se démarquaient : une femme élégante et un peu fanée – ou trop maquillée ? –, portant une robe soyeuse qui lui découvrait le dos, et un homme en complet clair, trop coquet pour l’occasion. Ils étaient assis entre des femmes d’âge mûr en jupe, pantalon aux chevilles et sandales, à une tribune de la scène principale du festival de Lewandiwka. La tribune était installée à l’entrée d’un centre jeunesse situé dans un vieux cinéma soviétique repeint aux couleurs nationales ukrainiennes. En la photographiant, j’ai soudain compris : les deux oiseaux colorés étaient les professeurs de la classe de tango annoncée dans le programme que je venais tout juste de consulter.
Mon tango est comme mon polonais : je n’y excelle pas, mais je connais au moins un peu. Pendant que mes collègues s’affairaient à l’organisation du festival, qui visait à favoriser le développement de ce quartier défavorisé, j’ai donc dansé avec l’homme et la femme extravagants, et avec quelques enfants. J’étais ravie : de bouger, de rencontrer des gens, de découvrir un nouveau quartier de la ville.
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- « Where can I dance tango in Lviv ? », ai-je demandé, un peu essoufflée, au professeur.
- « Every Sunday, on the market square », m’a-t-il tout de suite répondu.
- « Do I have to be accompanied ? » Cette fois, la réponse s’est faite attendre. Avais-je fait un faux pas ? Je le relançai : « Are there not enough men ? » De nouveau, silence.
- « There are enough men, but they won’t dance with you. I mean, not with a stranger. I do, but they won’t... », a-t-il enfin lâché.
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Entre deux milongas, j’avais pu observer les alentours : il y avait des hommes à vélo, des jeunes aux jeans coupés en shorts, quelques alcooliques, des familles, une dame qui mendie parfois au centre-ville, beaucoup d’enfants. La musique jouait toujours. Un trio aviné, deux hommes et une femme, dansaient.
Plus tard, j’ai aussi vu les petites maisons centenaires, la verdure, les magasins, l’église d’où émanait une forte odeur d’encens, des blocs de l’époque communiste en arrière-fond. J’ai mangé dans un restaurant rustico-chic, décoré de bois sombre, de carreaux et de lustres en cristal, qu’une de mes collègues a qualifié de « normal ». J’ai compris ce qu’elle voulait dire ; l’intérieur n’était pas sans rappeler mon appartement au centre-ville.
Mes collègues avaient réglé toutes les questions urgentes. Il faisait beau. Nous sommes rentrées à pied. J’étais toujours ravie. Le décor bigarré de ce quartier périphérique de Lviv, à quelques kilomètres du centre historique et touristique de la ville, me plaisait.
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Le festival s’étalait sur toute la semaine précédant la fête nationale. Le lendemain, j’ai participé à un rallye à travers le quartier avec un groupe de filles et de jeunes femmes. Sur les traces du cinéaste Paradjanov qui avait donné son nom au festival, nous avons cherché des indices, marché, appris sur l’histoire du quartier et fait connaissance. À ma question « où sont les garçons ? », mes co-équipières n’ont répondu que par un haussement d’épaules résigné.
Plus tard, lorsque j’ai de nouveau posé la question, cette fois à des adultes, on m’a expliqué que la gent masculine préférait jouer au foot. En marchant vers le centre-ville, les collègues m’ont amenée dans un restaurant-bar près du parc et du lac artificiel de Lewandiwka. Cette fois, le public était essentiellement masculin. Le foot donne soif, me suis-je dit.
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- « T’es allée au tango, finalement ? » m’a demandé ma mère au téléphone.
- « Je branlais entre l’orgueil et la curiosité, pis je suis allée. »
- « T’as bien fait ! Au moins, pour voir les gens danser... »
- « Ouais, sauf qu’il pleuvait. Personne n’a dansé, pas cette fois. »
                                                                     ***
Pendant mon séjour à Lviv, je n’ai eu d’interactions qu’avec des femmes, ou presque. Certes, j’avais affaire à des gens du domaine de la culture, mais il n’en demeure pas moins que les rares hommes à qui j’ai parlé étaient souvent gais, étrangers ou professeurs de tango.
- « T’oublies ton vieux stalker, celui de la police. » (voir, « Prost » : http://stadtschreiberin-lemberg.blogspot.com/2018/06/prost_18.html)
Je trouvais ça tout de même dommage, mais il était difficile d’aborder la question sans s’attirer des haussements de sourcils. Apparemment, j’étais la seule que ça intéressait.

Donnerstag, 23. August 2018

Interview: "In Lemberg schaut man sich wenig in die Augen"

http://www.kulturforum.info/de/startseite-de/1000057-ueber-uns/1000087-pressespiegel/7791-in-lwiw-schaut-man-sich-wenig-in-die-augen

Dienstag, 21. August 2018

Die Krim-Bar


Einmal war ich schon da, mit Freunden aus Polen. Sie liegt in einer Seitenstraße, unweit von meiner Wohnung. Weil es nur Wein gab, wollte einer der Freunde nicht bleiben. Seit er nicht mehr trinkt, ist ihm das Angebot an Wasser und allerlei Getränken wichtig.
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Ich ging nochmal hin, diesmal mit Marie. Uns behagte die Bar sehr. Sie ist klein, etwas dunkel; die Wand hinter der Theke scheint mit Fässern tapeziert zu sein. Wir setzten uns auf Hocker an einen runden Tisch und bestellten Wein, dessen Name uns fremd war.
Die Unterhaltung mit Marie, einer jungen Schriftstellerin aus Berlin, die ein Schreibstipendium in Lwiw bekommen hat, war kurzweilig. Ebenso auch der Blick auf das anwesende Publikum. Das bestand aus einem riesigen und etwas unförmigen Mann, der wie aus den Seiten eins Märchenbuchs herausgetreten schien, aus einem tätowierten Mann mit modischer Frisur und umgehängter Tasche und aus einer Art Troubadour, mit einem Laptop anstatt eines Musikinstrumentes. Dazu kam noch ein junger Barkeeper, der mit einem Computer – oder war es ein Telefon? – hinter der Theke beschäftig war. Aus der lockeren bis gleichgültigen Atmosphäre war anzunehmen, dass dieses Publikum sich öfter hier aufhielt. Obwohl wir nicht zu dieser Gesellschaft gehörten, konnten wir ohne Probleme dort trinken*.
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In der Bar war ein Kommen und Gehen. Der Riese ging hinaus, um später zurückzukommen. Und das mehrmals. Die Türschwelle war eigentlich keine: Draußen waren die gleichen Tische und Stühle auf dem Bürgersteig aufgestellt worden wie im Inneren. Zusammen mit einem Bekannten genoss der Tätowierte die Lektüre seines Smartphones, bevor er verschwand und nach einer gewissen Zeit wiederauftauchte. Der Barkeeper riss sich manchmal von seinem Gerät los, um nach hinten, in eine Art Küche zu gehen. Bisweilen kam ein Kunde und ließ sich eine mitgebrachte Flasche abfüllen, sozusagen „wine to go.“
Ich weiß nicht, wie lange wir schon in der Bar waren. Nicht nur der Raum, auch die Zeit ließ sich schwer einschätzen. Vielleicht wird sie in Bestellungen gemessen? Wir entschieden uns, ein zweites Glas zu bestellen. Marie hatte mir ihren Roman gebracht. Wir sprachen über Lesungen, Literatur, Sprachen – auf Deutsch. Ich konnte sehen, wie neugierig der Troubadour mit Laptop wurde. Auf dem Weg zurück von der Theke gesellte er sich kurz zu uns. Er erzählte, dass er aus Jalta sei und hier im Exil lebe. Jalta! Das Wort rief auf einmal eine Reihe von Bildern hervor: die Schule, das bekannte Foto von Churchill, Roosevelt, Stalin auf der Krim, die neue Weltordnung, meinen einstigen Geschichtslehrer.
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Marie hat ein unglaubliches Auge für Alltagsdetails, die eine Menge Bilder hervorrufen. Die Lektüre ihres Romans verstärkt diesen Eindruck**. Das Erbrochene von Katzen, Stücke von Nagellack, Fussel, die sich zu Bällen formieren, ein Autositz aus Holzkügelchen lassen einen nicht los. Sie sind materielles Gedächtnis, die sowohl an weltgeschichtliche wie persönliche Ereignisse erinnern. Zugleich deuten sie auf die Gleichzeitigkeit von Handlungen und „trivialen“ Gedanken hin. An dem Abend war es nicht anders. Parallel zu der Unterhaltung über Erfahrungen im Ausland und das Schreiben gab es lauter kleine Rätsel, die mich – uns? – beschäftigten: Das Trinken von Kognak und Café, von Wein und Kognak – es gibt eben doch nicht nur Wein in der Bar –, die mysteriösen Geräusche und stummen Gespräche aus einem hinteren Raum.
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Es wurde spät, oder doch nicht so spät? Ich weiß es nicht. Ein drittes Glas bestellten wir auf jeden Fall nicht mehr. Beim Hinausgehen bemerkte ich den Namen der Bar: Вина Криму, Weine von der Krim. Wenn meine Polnischen Freunde den Namen gesehen hätten, hätten sie sicher bleiben wollen. Sie finden, wie viele meiner Bekannten hier, die Krim doch so hip und unterstützen gerne die aus ihr geflüchteten oder vertriebenen Menschen. In die Bar werde ich wiederkommen, zu einem letzten Drink vor meiner Rückkehr nach Montréal, mit Marie und meinen hiesigen Kollegen. (Klaus vom Kulturforum östliches Europa in Potsdam würde ich einladen, wenn er nicht so weit wäre!) Und wenn wir ein schlechtes Gewissen beim Trinken bekommen, können wir uns sagen, dass wir eine kleine Geste für die Krim tun.


** Gamillscheg, Marie (2018). Alles was glänzt. München, Luchterhand.

Dienstag, 14. August 2018

Der, da oben



Abends auf dem Nachhauseweg hörte ich: „Hey Barbara!“ Ein Bekannter aus Deutschland stand mit ausgestreckten Armen an der Straßenecke. Es war eine schöne Überraschung. Mit seiner Familie tranken wir roten Schnaps und verabredeten uns für den nächsten Morgen an einem Ort in der Altstadt, wo er als Kind gewohnt hatte. 
           In den letzten Wochen habe ich viele Lebensgeschichten gehört. Oft ging es um die Kindheit meiner Gesprächspartner, und um die Balkons der Altstadt, die die Wohnungen einer ganzen Etage in den inneren Höfen verbinden. So sei es auch bei meinem Bekannten gewesen: Als Kind sei er auf den Balkonen des Hauses Fahrrad gefahren und habe mit anderen Kindern gespielt. In den Erzählungen wird dann mitunter erwähnt, dass manche Hausbewohner irgendwann in den 1990er Jahren weg waren. Die Hausgemeinschaft erfuhr, dass sie nach Israel, Deutschland, Kanada ausgewandert waren. Das sei das Ende der Idylle auf den Balkons gewesen. Manche blieben, wie die Mutter meines Bekannten aus Deutschland. Er selbst ist später gegangen. Weg ist er aber doch nicht ganz. Auswandern heißt lange nicht, dass man sich nicht mehr bewegt. Im Gegenteil.* Mein Bekannter, der sich selbst gern „der Lemberger“ nennt, ist mit der Stadt sehr verbunden, identifiziert sich stark mit ihr und beschäftigt Landsleute in seiner Firma an der deutsch-polnischer Grenze.

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Wenn ich mit Menschen in Lwiw zusammenspazieren gehe, bieten sie mir private, inoffizielle Führungen durch die Stadt. Wir trinken meistens zuerst Kaffee und die Wahl des Kaffeehauses sagt mir einiges über den Eindruck, den sie mir vermitteln wollen (intellektuell, „authentisch“, angesagt). Mit dem Lemberger ging es von der Altstadt in nördliche Richtung, links vom alten Marktplatz. Dort gibt es erstaunlich viele Kinderspielplätze. Man muss kein Detektiv sein, um daraus abzuleiten, dass dort jüdische Gebetshäuser und Schulen gestanden haben. Gedenktafel auf ukrainisch und englischweisen darauf hin. Mein Bekannter machte mich darauf aufmerksam, dass das Wort Synagoge von den Tafeln weggekratzt war. Auf meine Frage, ob er selbst schon Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht habe, gab er mir aber eine negative Antwort.
Auf seinem Smartphone hatte mein Bekannter Fotos von früher, vor dem zweiten Weltkrieg. Wir versuchten, die geknipsten Orte wiederzufinden. Der Spaziergang führte uns in die Vuhilna-Straße. Als der Lemberger sich anschickte, etwas zu sagen, machte ein Herr vorgerückten Alters die Tür eins heruntergekommenen Gebäudes auf. Nach kurzer Unterhaltung traten wir herein. An den Wänden des Hauseingangs waren Fotos und Plakate geklebt, die auf Projekte, Ausstellungen, Kooperationen eines jüdischen Kulturzentrums erinnern. Es war eine schöne Überraschung.
Es wurde eine Mischung aus Russisch, Ukrainisch und Deutsch geredet. Die zwei Männer kannten sich. Naja, der Ältere kannte die Mutter des Jüngeren. Informationen wurden ausgetauscht, eine Zeitung geschenkt, Postkarten rausgeholt. Zwischendurch wurde rumtelefoniert und Fotos gemacht und ich wusste schon, dass ich mich später auf Facebook wiederfinden würde. So ist es eben in Lwiw – ich will gar nicht kritisch sein. Facebook sei hier etwas Besonderes, Politisches, und wenn hier Katzenfotos gepostet werden, dann oft zum Schutz der Tiere (siehe Die Katzenfrau).
Während die beiden Männer sich unterhielten, inspizierte ich das Gebäude. Während meiner Runde erblickte ich eine schöne Überraschung: die unerwartete, helle, wunderschön heruntergekommene Gebetshalle der früheren Synagoge.
Als die zwei Männer zu mir kamen, erfuhr ich, dass das Gebäude 1844 errichtet wurde, und erst als Gebetshalle, dann als Lager und später als Turnhalle benutzt wurde, bevor es zur Zeit der Perestroika ein Kulturzentrum wurde und 1991 in die Hände von jüdischen Organisationen überführt wurde. Bei aller Dankbarkeit für die Informationen hätte ich gern den Anblick auf die Gebetshalle ein bisschen länger genossen. Es war ein kurzer Moment der Transzendenz, der durch den in der Halle liegenden Krempel noch verstärkt wurde. Dass die Halle, wie die Stadt überhaupt, auf Renovierung wartet, scheint noch zu ihrer besonderen Schönheit und Kraft beizutragen. (Foto: frühere Jakób Glanzer Synagoge)

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Beim Abschied küsste mich der ältere Herr und mein Bekannter machte noch schnell ein Foto. Als wir wieder in den Alltag der Altstadt eintraten, wunderten wir uns über die Überraschungen, die „der, da oben“ – der Lemberger machte einen Zeichnen mit der Hand, ich nickte – auf unseren Weg gelegt hatte. Wir setzten den Spaziergang kurz fort und beendeten ihn, wie er angefangen hatte. Mit einem Kaffee und einem roten Schnaps.


* Wie Anna Xymena Wieczorek in „Migration and (Im)Mobility. Biographical Experiences of Polish Migrants in Germany and Canada“ (2018) veranschaulicht.


Donnerstag, 9. August 2018

About Lviv // Snapshots of Ukraine 🌸


Meine 15-jährige Tochter war zu Besuch in Lwiw!
"About Lviv // Snapshots of Ukraine 🌸", ein Film von Noa Beschorner.